Angelika Baron

Angelika Baron., Quelle: Augsburger Allgemeine

36 Jahre

„Anschi“

Freitag, 24. September 1993

südliche Auffahrt der Hessenbachstraße zur Bürgermeister-Ackermann-Straße in Pfersee

Angelika heiratete sehr früh einen Angehörigen der US-Armee und war Mutter von drei Kindern. Nach der Trennung im Jahr 1982 nahm ihr Ex-Mann das älteste Kind mit in die USA. die beiden jüngeren Schwestern wuchsen bei verschiedenen Pflegefamilien auf. Eine Schwester hielt, im Gegensatz zu den anderen Familienmitgliedern, auch dann noch Kontakt mit Angelika, als diese der Prostitution nachging. Sie war zwei Wochen vor Angelikas Tod zu Besuch in Augsburg. Angelika lebte in der Gesundbrunnenstraße.

Angelika ging ca. 15 Jahre der Prostitution nach. Damals, im Jahr 1993, war im Umfeld der Ermordeten auch darüber spekuliert worden, dass sie einen Zuhälter, Tiago K., gehabt habe, der sie misshandelte, wie Nachbarn berichteten. Er habe sie „ausgenommen wie eine Weihnachtsgans“. Angelika soll nach Aussagen von Zeugen 10.000-15.000 Mark im Monat verdient haben, Tiago K. kaufte sich von dem Geld unter anderem einen S-Klasse Mercedes für 50.000 DM und einen Computer für 7.000 DM.

Angelika hatte ein Taxi per Dauerauftrag bestellt, welches sie jede Nacht um 2 Uhr vom Straßenstrich nach Hause fuhr. In der Nacht von 24. auf den 25. September stand sie nicht am vereinbarten Ort und kam auch nicht in die Wohnung, die sie sich mit einer anderen prostituierten Frau teilte. Diese meldete sie am Mittag darauf vermisst. Ungefähr zur gleichen Zeit machte ein 16-Jähriger im Landkreis Augsburg eine grausige Entdeckung. Der Jugendliche führte seinen Hund Gassi, im Ortsbereich von Gessertshausen, entlang der Bahnlinie Augsburg-Ulm. Der Hund zog in Richtung eines Straßengrabens, der dicht von Unkraut bewachsen war. Dort lag Angelikas Leiche, sie war bereits seit Stunden tot.

Jemand hatte dabei unter anderem mit erheblicher Wucht auf sie eingeschlagen. Am Ort, an dem die Leiche lag, machten die Ermittler damals einen seltsamen Fund: einen Möbelfuß aus Holz, etwa 20 Zentimeter lang. Eine mögliche Spur. Doch die Ermittler hatten damals keinen Erfolg. Das Gewaltverbrechen blieb all die Jahre ungeklärt.

Etwa 24 Jahre später, im November 2017, wurde der 49 Jahre alte Stefan E. festgenommen. Stefan E. ist in den 1990er Jahren öfter zu Prostituierten in Augsburg gegangen, offenbar regelmäßig auch zu jenen, die zu der Zeit an der Ackermann-Straße auf dem Straßenstrich standen. Sein Verteidiger Klaus Rödl sagt, Stefan E. räume ein, dass er damals zu Prostituieren gegangen ist – dabei möglicherweise auch zu Angelika B. Er bestreite aber „vehement“, siegetötet zu haben. Die Ermittler stützen ihren Verdacht offenbar auf mehrere DNA-Spuren, die damals an der Leiche vom Angelika gesichert wurden. Das Erbgut des Verdächtigen hat die Polizei schon länger gespeichert, weil er in der Vergangenheit immer wieder durch Drogendelikte aufgefallen ist und deshalb auch mehrfach kürzere Haftstrafen absitzen musste. Weil die Methoden der DNA-Analyse in den vergangenen Jahren immer besser geworden sind, ist es nun offenbar gelungen, die Spuren von der Leiche dem heute 49-Jährigen zuzuordnen. Ob der seinerzeit gefundene Möbelfuß bei den aktuellen Ermittlungen eine Rolle spielte, ist bislang nicht bekannt.

Stefan E. wohnte zur Tatzeit noch bei seinen Eltern und arbeitete damals, als Angelika wurde, in einem Kieswerk. In seinem Umfeld heißt es, er sei Ende der 1990er Jahre immer mehr in die Drogensucht abgerutscht. Seit Jahren war er arbeitslos. Nachbarn berichten, seine Wohnung habe verwahrlost gewirkt.

Nach Informationen aus Ermittlerkreisen soll Stefan E. inzwischen auch unter Verdacht stehen, vor wenigen Jahren eine Frau vergewaltigt zu haben. Der Haftbefehl sei inzwischen um den Verdacht einer Sexualstraftat erweitertet worden. Stefan E. hielt sich öfter in der Süchtigenszene, die sich am Oberhauser Bahnhof trifft, auf. Dort hörten sich die Mordermittler nach der Verhaftung um und sammelten Informationen über den Mordverdächtigen. Sie erfuhren dabei von Vergewaltigungs-Gerüchten um Stefan E., die in der Szene die Runde gemacht hatten. Sie befragten das mutmaßliche Opfer. Wie es aus Polizeikreisen heißt, bestätigte die Frau nach anfänglichem Zögern die Vorwürfe.

Stefan E. wurde am 12. April 2019 vom Landgericht Augsburg zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Verurteilt wurde er auch wegen einer Vergewaltigung. Er hat 2017 eine Frau zu einer sexuellen Handlung gezwungen, die diese abgelehnt hatte. Die Betroffene hatte keine Anzeige gestattet, die Ermittler kamen ihm jedoch auf die Spur als sie wegen des Mordverdachtes sein Handy abhörten und mitbekamen, wie ihn gemeinsame Bekannte mit der Tat konfrontierten.

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  • Zuletzt geändert: 2019/04/13 15:28
  • von hanna