Ida Krause

41 Jahre

Sonntag, 8. August 1948, Mulackstraße, Berlin

Als Mörder der am 8. August aufgefundenen Prostituierten Ida Krause wurde jetzt der 28-Jährige Neulehrer Franz Siegel auf der Flucht in Marienborn durch die Grenzpolizei festgenommen. Nach seiner Überführung nach Berlin legte er ein Geständnis ab. Er hatte bei der Ermordeten Geld vermutet, aber nur 5 Mark erbeutet

Franz Siegel, der von Beruf Lehrer war, stammte aus Ebendorf bei Magdeburg.

Die Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht, mit minuziöser Genauigkeit geführt, erhellte vollkommen die Hintergründe des Verbrechens. Eines Verbrechens, dem das Milieu der Berliner Unterweit den düsteren Rahmen verlieh. Und das dennoch das Verbrechen eines Menschen war, der die Unterwelt nur aus der Theorie schlechter Lektüre kannte, der, niemals vorbestraft, als der typische Vertreter des Kleinbürgertums gelten konnte, eines fleißigen, ordnungsliebenden und strebsamen Menschen.

Er hatte ein paar hundert Mark Schulden machen müssen. Umzüge, Kurse, geringe Einnahmen während der Ausbildungszeit, eine ewig kränkliche Ehefrau belasteten den Etat. Der Schwager, ehemalige Kameraden waren die geduldigen Gläubiger. Doch das bürgerliche Gewissen mahnte. „Wer Schulden hat, ist ein halber Mensch!„ war des Lehrers Leitsatz. Er wälzte sich des Nachts schlaflos umher. „In Berlin“, dachte er, „ist der Schwarze Markt„. Und in Berlin, hoffte er, würde er auf irgendeine dunkle Weise, durch Taschendiebstähle oder Erpressungen an Schwarzmarkthändlern, zu Geld gelangen können. Mit einem leeren Rucksack und 50 Mark fuhr er am ersten Ferientag los, Seiner jungen Frau erzählte er Ammenmärchen.

Drei Tage lang irrt der Mann in Berlin umher. Nächtigt auf Bahnhofstreppen, lebt von trockenem Brot und markenfreien Gerichten. Zum Verbrechen fehlt ihm der Mut. Er hat Angst vor der Heimkehr, vor neuen Schulden. In der dritten Nacht spricht ihn in der Mulackstraße eine Frau an. Er geht mit. „Einmal ausruhen“, ist sein Gedanke. Eine simple Kochstube, ein Tischfach, in das ein Portemonnaie gelegt wird, eine Couch — und rings umher die Stille der Nacht. Als er sie würgt, wehrt sich die 40-Jährige. Da stopft er ihr die Schürze in den Mund, nimmt das Portemonnaie aus der Schublade und ein Stück Brot aus dem Schrank. Er geht. Ein Bürger aus einem kleinen Ort, der in der Mulackstraße in Berlin zum Schwerverbrecher wurde. Um ein Stückchen Brot, um 4 Mark, um einen Silberring und ein paar Lebensmittelmarken.

Franz Siegel wurde wegen „schweren Raubes in Tateinheit mit Körperverletzung mit Todeserfolg„ zu 12 Jahren Zuchthaus und 12 Jahren Ehrverlust verurteilt.

Neue Zeit, Sa. 4. September 1948, Jahrgang 4 / Ausgabe 206 / Seite 3

Berliner Zeitung, Sa. 4. September 1948, Jahrgang 4 / Ausgabe 206 / Seite 6

Berliner Zeitung, Mi. 9. November 1949 Jahrgang 5 / Ausgabe 263 / Seite 6

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  • von hanna