prostitutionmurders:de:sonja_mand

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prostitutionmurders:de:sonja_mand [2015/03/13 18:10] (aktuell)
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 +====== Sonja Mand ======
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 +[{{:​prostituiertenmorde:​de:​sonja_mand.jpg?​200|Sonja Mand, Quelle: [[Der Spiegel]]}}]
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 +27 Jahre, Hannover
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 +===== Mordzeit und -ort =====
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 +Juni/Juli 2012, Hannover
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 +===== Hintergründe und Leben =====
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 +Sonja Mand wurde 1984 geboren. Sonjas Mutter ist bei der Geburt gerade 16, geht noch zur Schule; der Vater macht sich aus dem Staub Sonja wächst bei der Oma mütterlicherseits auf, in einer kleinen Parterrewohnung im Zentrum von Hannover. Als Sonja in die Pubertät Sonjas Mutter, inzwischen Ehefrau mit zwei weiteren Kindern, kommt mit der Tochter auch nicht klar. Sonja beginnt zu rauchen und zu trinken, trifft sich mit Freundinnen,​ die der Oma nicht passen. Mit Mühe schafft sie den Hauptschulabschluss,​ danach wird sie, 17 Jahre alt, durch Vermittlung der Bundesanstalt für Arbeit auf ein Internat des Kolping-Berufsbildungswerks in Brakel geschickt. Die Lehranstalt ist spezialisiert auf Jugendliche mit Lernstörungen,​ seelischen Schäden, Verhaltensauffälligkeiten. Sonja wird zur Hauswirtschaftshelferin ausgebildet. ​
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 +Sonja verliebt sich in einen Internatsschüler,​ zieht kurz darauf mit ihm in eine niedersächsische Kleinstadt, wird schwanger. Noch vor der Geburt heiratet sie, zwei Jahre später, mit 22, wird sie erneut Mutter. Freundinnen bezeichnen die Ehe zunächst als glücklich. Als die junge Familie von Geldsorgen geplagt wird kommt es jedoch immer häufiger zu Streit, was schließlich zur Trennung führt.
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 +Eines Abends steht Sonja bei ihren Angehörigen vor der Tür, ohne Habseligkeiten. Die Kinder werden bei der Scheidung dem Vater zugesprochen,​ einen Anwalt kann sie sich nicht leisten. "Dass die Familie kaputtging, gab ihr einen furchtbaren Knacks",​ sagt Freundin Ayşe, "davon hat sie sich nie mehr erholt."​ Sonja darf eigentlich alle vier Wochen ihre Kinder treffen, sie verpasst jedoch mehrfach die Termine. Obwohl ihr Sozialhilfe zusteht, meldet sie sich nicht fristgemäß beim Amt. Um sich zu betäuben, stürzt sie sich in die Kneipenszene,​ feiert in Bars und Discos die Nächte durch, trinkt und raucht. Sie will alles vergessen, die verkorkste Ehe, ihr schlechtes Gewissen wegen der Kinder, die Schulden. Sie gerät an Heroin, Koks, Tabletten und wird bald abhängig. Zur Therapie bei der Drogenberatung,​ von ihrer Mutter organisiert,​ geht Sonja nach der zweiten Sitzung nicht mehr.
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 +Sonja Mand war Mutter von zwei Kindern und seit drei Jahren geschieden und allein lebend mit wechselnden Wohnorten. Gemeldet war sie zuletzt in Garbsen bei Hannover.
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 +Im Juli 2012, fünf Wochen nach ihrem Verschwinden,​ finden Arbeiter in einem Park in Hannover-Linden einen Pappkarton, 1,80 Meter lang, nur 40 Zentimeter breit, 20 Zentimeter hoch. Firmenaufschrift und Etikettaufkleber sind sorgfältig entfernt, alle Nahtstellen mit einem silbergrauen Klebeband verschlossen. Im Karton liegt eine leblose junge Frau, total abgemagert, bekleidet nur mit einem roten T-Shirt und weiß-blau geringelten Socken. Ihre rotblonden Haare hängen bis über die Schultern, am Handgelenk trägt sie einen Armreif mit Herzanhänger und der Aufschrift "​Pretty"​. Gestorben ist sie erst vor wenigen Stunden.
 +Die Obduktion ergab als Todesursache Tuberkulose.
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 +Sonja Mand prostituierte sich am Straßenstrich in der Mehlstraße,​ hauptsächlich Drogensüchtige prostituieren sich hier für 15 – 20 Euro. Eine andere Frau erinnert sich, dass Sonja zunehmend schlechter aussah, mehr und mehr hustete. Den Sexkäufern war ihr Zustand egal. In ihrem Adressbuch fanden sich mehr als 100 Kundendaten.
 +Manchmal flüchtet sie sich zur Großmutter,​ lebt in ihrem alten Kinderzimmer.
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 +Kurz vor dem Tod hat sie Beziehungen zu zwei Männern: Der eine ist Drogendealer,​ häufiger in Messerstechereien verwickelt und sitzt zum Zeitpunkt ihres Verschwindens ein. Der andere ist Barkeeper, will sie retten, kümmert sich um ihre Angelegenheiten. Unter seinem Einfluss versucht Sonja, ihr Leben zu ändern. Sie bleibt nachts zu Hause, bemüht sich um normale Arbeit, verspricht, wegen ihres Hustens einen Arzt aufzusuchen. Doch eines Morgens ist sie weg, Er findet eine kurze Nachricht auf dem Wohnzimmertisch:​ "Es tut mir leid, dass ich Dir so weh tun muss."
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 +Sie landet wieder auf dem Straßenstrich,​ wiegt nur noch 45 kg.  Am 16. Juni verliert sich ihre Spur, ihr Handy bleibt ungewöhnlicher weise abgeschaltet. Einige ihrer Freunde versuchen ihr am 11. Juli zum 28. Geburtstag zu gratulieren und erreichen sie nicht.
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 +Die Theorie der Polizei: Ein Freier habe Sonja aufgelesen, ihr das Telefon abgenommen, sie womöglich irgendwo eingesperrt,​ missbraucht und bis zu ihrem unerwarteten Tuberkulose-Tod bei sich festgehalten. Ihr verheerender Zustand spreche nicht gegen solche Thesen. Für manche Männer seien erfahrungsgemäß körperliche Gebrechen ein besonderer Reiz: "Die werden sogar scharf, wenn eine Frau mit HIV infiziert oder mit Wunden übersät ist."
 +In dem Pappkarton konnte eine DNA-Spur gesichert werden, die aber zu keinem Treffer führte.
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 +Die Polizei konnte 5 Personen in Sonjas Umfeld ermitteln, die sich bei ihr an Tuberkulose angesteckt hatten, darunter ein Kind. Sie selbst führte ihren Husten aufs Rauchen zurück.
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 +In einem Freierforum finden sich bis heute entwürdigende Kommentare zu Sonja.
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 +===== Quellen =====
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 +http://​www.spiegel.de/​spiegel/​print/​d-89801842.html
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 +http://​magazin.spiegel.de/​EpubDelivery/​spiegel/​pdf/​89801842
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 +http://​www.haz.de/​Hannover/​Aus-der-Stadt/​Uebersicht/​Sonja-M.-starb-an-Tuberkulose
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 +http://​www.haz.de/​Hannover/​Aus-der-Stadt/​Uebersicht/​Leichenfund-DNA-Test-bringt-Gewissheit
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  • Zuletzt geändert: 2015/03/13 18:10
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